Moment mal! 10 Jahre momentum?
Ein Gespräch mit den Gründern
Nach dem Momentum der Gründung und Jahren des gesunden Wachstums ist der Moment gekommen für Bestandsaufnahme, eine Standortbestimmung mit dem Blick nach vorne.
Die Gründer Clara v. Sydow und Sven Hochreiter ordnen ein, wie sich Kommunikation im Trainingsalltag in den vergangenen zehn Jahren verändert hat, was dadurch besser geworden ist und warum persönliche Entwicklung trotz neuer Tools immer noch Zeit, Beziehung und echte Übung braucht.
Wenn Sie auf die vergangenen zehn Jahre schauen: Was hat sich in der Business-Kommunikation am stärksten verändert?
Sven Hochreiter: Für mich ist die größte Veränderung, dass Kommunikation weniger linear und weniger kontrollierbar geworden ist. Früher gab es häufiger einen klaren Rahmen, in dem kommuniziert wurde. Heute haben wir viele zusätzliche Kanäle, unterschiedliche Anspruchsgruppen und insgesamt eine deutlich höhere Dynamik. Das reine Senden, auch das gut durchdachte Senden, funktioniert noch weniger als früher. Dialog statt Monolog ist im Business-Alltag keine freundliche Zusatzidee mehr, sondern eine zentrale Führungsaufgabe.
Gibt es eine Entwicklung, an der Sie gemerkt haben: So wie früher funktioniert Kommunikation nicht mehr?
Clara v. Sydow: Besonders deutlich wurde das in der Phase während der Corona-Lockdowns, in der digitale Zusammenarbeit plötzlich für alle zum Business-Alltag wurde. Anfangs war die Idee oft, eine alte Kommunikationslogik einfach in neue Kanäle zu übertragen: Dieselben Meetings, dieselben Informationen, dieselben Präsentationen, nur eben per Videokonferenz oder Chat. Sehr schnell wurde klar, dass das nicht reicht. Heute braucht es stärker eine gemeinsame Klärung: „Haben wir wirklich ein gemeinsames Verständnis von dem, worum es geht?“
Was hat Corona als Katalysator verändert?
Sven Hochreiter: Wir erleben in Trainings häufig, dass die heutige Kommunikation von Teilnehmenden als unverbindlicher, unpersönlicher und schwieriger zu steuern beschrieben wird. Gleichzeitig haben viele Menschen gelernt, Kommunikationskanäle viel flexibler einzusetzen: eine kurze Abstimmung remote, Kreativarbeit im Workshop, eine schnelle Klärung schriftlich. Diese Leichtigkeit ist wertvoll. Wenn es um Reibung, Vertrauen, Kreativität oder Teamklärung geht, bleibt der persönliche Raum aus unserer Sicht das A und O.
Was macht Tempo, Unsicherheit und Reizüberflutung mit Menschen in Unternehmen?
Sven Hochreiter: Viele Kunden berichten, dass es insgesamt zu viel und zu wuselig geworden ist. Wenn Dinge nie richtig final geklärt werden, leidet nicht nur die Effizienz, sondern auch die persönliche Zufriedenheit und die Bindung an das Team oder das Unternehmen. Zuhören ist anspruchsvoller geworden. Menschen brauchen mehr Konzentration und auch mehr Mut, um wirklich nachzufragen, Gedanken weiterzuentwickeln und herauszufinden, was das Gegenüber braucht.
Welche neuen Anforderungen entstehen dadurch für Führungskräfte?
Clara v. Sydow: Führungskräfte müssen heute stärker Orientierung geben. Informationen gibt es genug. Was häufig fehlt, ist Einordnung: Was bedeutet das für uns? Was ist jetzt wichtig? Was lassen wir weg? Führungskräfte werden mehr und mehr zu Dirigenten ihrer Kommunikation. Sie müssen verschiedene Kanäle, Zielgruppen und Botschaften so bespielen, dass daraus Orientierung entsteht.
„Wie verändert KI die Kommunikation und das Training?“
Sven Hochreiter: KI ist ein Strukturbruch, weil sie in fast alle Kommunikationsprozesse eingreift: Strukturieren, Recherchieren, Argumentieren, Schreiben, Visualisieren. Sie kann sehr hilfreich sein, wenn ein eigenes Grundgerüst vorhanden ist. Gefährlich wird es, wenn die eigene Kernbotschaft fehlt. Dann produziert KI schnell glatte, aber generische Kommunikation. Der Text klingt rund, aber der Gedanke dahinter bleibt austauschbar.
Warum reichen klassische Kommunikationsroutinen heute oft nicht mehr aus?
Clara v. Sydow: Zusätzlich zum Sprachbewusstsein brauchen Menschen heute eine hohe (digitale) Kommunikationskompetenz und die Fähigkeit, zwischen Tempo und Tiefe zu unterscheiden. Nicht jede schnelle Information schafft wirkliche Klarheit. Unternehmen sollten deshalb stärker die kommunikative Urteilskraft ihrer Mitarbeitenden schulen: Was ist jetzt der richtige Kanal? Was braucht das Thema? Was braucht das Gegenüber?
Was bleibt bei all diesen Veränderungen gleich?
Clara v. Sydow: Menschen wollen verstanden werden. Sie wollen wissen, woran sie sind. Das war vor zehn Jahren so und wird auch in zehn Jahren so sein. Gute Kommunikation bleibt persönlich, auch wenn sie digital vermittelt wird. Dieses Grundbedürfnis verändert sich nicht.
Sven Hochreiter: Es geht weiterhin um persönliche Beziehung und echte Glaubwürdigkeit. Gerade deshalb bleibt Zuhören zentral. Ich muss bereit sein, meine eigenen Denkmuster zu prüfen, empathische-fachliche Rückfragen zu stellen und auch einmal einen Gedanken des anderen wirklich mitzugehen.
Was sollten Unternehmen trainieren, wenn sie ihre Mitarbeitenden auf die nächsten Jahre vorbereiten wollen?
Sven Hochreiter: Unternehmen sollten kommunikative Urteilskraft stärken: zuhören, verdichten, nachfragen, moderieren, entscheiden und Konflikte besprechbar machen. Besonders wichtig wird die Fähigkeit, Unsicherheit auszusprechen, ohne zusätzliche Unsicherheit auszulösen.
Clara v. Sydow: Ich wünsche mir, dass wieder etwas Tempo herausgenommen wird. Informationsdichte und Informationsgeschwindigkeit werden oft mit Klarheit verwechselt. Klarheit entsteht häufig erst, wenn Menschen nachfragen, zuhören und einen Gedanken zu Ende denken.
Wenn Sie die Veränderung der Kommunikation in einem Satz beschreiben müssten: Wie würde er lauten?
Sven Hochreiter: Je voller, schneller und digitaler Kommunikation wird, desto wichtiger werden die menschlichen Fähigkeiten dahinter: zuhören, einordnen, nachfragen, klären und den richtigen Raum für echte Verständigung schaffen.