Kompetent oder schwierig?
Das Double-Bind Dilemma

Immer wieder berichten uns Frauen im Seminar von folgendem Dilemma: Versuchen sie, besonders durchsetzungsstark und führungssicheraufzutreten, erhalten sie ein kollegiales Feedback, das von „schwierig“ bis „superfordernd“ reicht. Verhalten sie sich eher zurückhaltend und verbindlich, wirken sie nicht entschlossen und zu schwach für die Business-Welt. Willkommen im Double-Bind! Diese widersprüchlichen Erwartungen stellen uns (Frauen genauso natürlich wie auch Männer) vor einen immens großen kommunikativen Aufwand. Was bedeutet das für unsere Kommunikation Business-Alltag?Antike Frauenstatue mit Sprechblase als Symbol für das Double-Bind-Dilemma und widersprüchliche Kommunikation.

Was bedeutet Double Bind?

Der Begriff Double Bind wurde bereits in den 1950er-Jahren vom Anthropologen Gregory Bateson und seinem Forschungsteam geprägt. Ursprünglich bezeichnete er widersprüchliche Kommunikationsanforderungen, bei denen praktisch jede Reaktion problematisch werden kann. Auf Frauen im Business übertragen beschreibt er ein bis heute relevantes Spannungsfeld: Sie sollen durchsetzungsstark auftreten, können aber genau dafür negativer bewertet werden.

Zeigt eine Frau besonders viel Durchsetzungsstärke, kann sie als dominant oder unsympathisch wahrgenommen werden. Zeigt sie dagegen viel Zurückhaltung und Konsensorientierung, wird unter Umständen ihre Führungsstärke infrage gestellt.

Das Problem liegt also nicht darin, dass Frauen „falsch kommunizieren“. Es liegt in widersprüchlichen Maßstäben, an denen ihr Verhalten gemessen werden kann.

Kompetenz schützt nicht automatisch vor negativer Bewertung

Kompetenz und Sympathie laufen also nicht automatisch parallel. Meistens begegnet uns der Double-Bind nicht auffällig und offensichtlich („Eine Frau sollte so nicht auftreten“), sondern viel subtiler in Rückmeldungen wie „Sie müssen die Menschen stärker mitnehmen“, „Sie sind schon sehr direkt…“, „Sie könnten ruhig manchmal etwas diplomatischer auftreten…“. Das sind ja alles Rückmeldungen, die berechtigt sein können, keine Frage. Denn natürlich können Frauen zu direkt, zu hart oder zu wenig empathisch kommunizieren. Interessant wird es an der Stelle:  Würden wir dasselbe Verhalten bei einem Mann genauso beurteilen?

Hören wir im Business-Alltag einmal genau hin: Ab wann wird aus „durchsetzungsstark“ plötzlich „dominant“? Aus „entscheidungsfreudig“ wird „bestimmend“? Aus „selbstbewusst“ wird „selbstdarstellerisch“? Oder aus „klar in der Sache“ plötzlich „schwierig im Umgang“?

Genau diese Verschiebungen sind ein Hinweis darauf, dass neben dem konkreten Verhalten möglicherweise auch Erwartungen an Geschlechterrollen in die Bewertung einfließen.

Noch komplexer: Wenn aus dem äußeren ein innerer Double Bind wird

Besonders interessant wird das Phänomen, wenn die widersprüchlichen Erwartungen irgendwann nicht mehr nur von außen kommen. Eine Frau vertritt eine klare Position (irgendwo zwischen „entschlossen“ und „autoritär“) und fragt sich unmittelbar danach: „War ich zu hart?“ Aus Zweifel getrieben, beginnt sie vorsichtshalber, ihre Aussage ausführlich zu erklären, und widerspricht sich selber. Oder sie setzt eine klare Grenze, nicht ohne unmittelbar danach eine langatmige Begründung zu liefern, damit sich auch ja niemand vor den Kopf gestoßen fühlt.

Der äußere Double Bind wird damit zu einem inneren. Passend dazu lautet die zentrale Frage: Wie klar darf ich eigentlich sein, ohne als schwierig zu gelten? Genau das kann kommunikativ anstrengend werden. Denn neben der eigentlichen Sachfrage läuft ständig eine zweite Ebene mit: Wie wirke ich gerade? Ganz schön mühsam.

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Und was können Sie konkret tun?

Frauen können lernen, mit dem Double Bind souveräner umzugehen. Auflösen können sie ihn nicht allein. Darum richten sich unsere Ideen hier auch an Kollegen, Führungskräfte und Unternehmen.

1. Für Frauen: Rückmeldungen prüfen mit der Macht der Gegenfrage!

Wenn wir hören, wir seien „zu direkt“, „zu dominant“ oder „schwierig“, prüfen wir sofort uns selber, oft verbunden mit einer gehörigen Portion strengen Selbstkritik. Wie wäre es, wenn wir statt uns selber, direkt die Rückmeldung prüfen? Das Tool: Ganz einfach die Rückfrage. Denn Feedbacks dieser Art sind oft einfache Generalisierungen, die allgemein und unverbindlich formuliert sind. Hier lohnt sich eine Nachfrage!

„Woran genau machen Sie das fest?“
„Welche konkrete Situation meinen Sie?“
„Was hätte ich aus Ihrer Sicht anders machen sollen?“

Ziel ist es, möglichst konkret eine Antwort zu erhalten? Was genau? Wo genau? Wie genau? Im Idealfall erhalten Sie wirklich eine konkrete Rückmeldungen. Prima. Sie werden aber auch feststellen, dass hier oft nichts mehr zurückkommt. Dann wissen Sie, dass hier eher eine Erwartung an Ihre Rolle dahintersteckt als Sie persönlich – Double Bind.

2. Für Kollegen und Führungskräfte: Stellen Sie die Vergleichsfrage!

Wir bleiben bei der Macht der Frage. Ziel ist es gar nicht, die unbewussten Bewertungsmuster komplett aufzulösen. Im ersten Schritt hilft es, sie überhaupt sichtbar zu machen. Also: Bevor Sie Verhalten einer Person bewerten, hilft ein kurzer Perspektivwechsel: „Würde ich dasselbe Verhalten bei einem Mann genauso beurteilen?“ Um dem auf die Spur zu kommen, hier ein paar Anwendungsfragen, die Sie sich selber stellen dürfen:

Ist die Kollegin „dominant“ oder einfach klar?
Ist sie „kühl“ oder sachlich?
Ist sie „selbstdarstellerisch“ oder sichtbar?
Ist sie „schwierig“  oder widerspricht sie lediglich?

3. Für Unternehmen: Feedback konkretisieren!

Je diffuser eine Rückmeldung, desto leichter können persönliche Erwartungen und stereotype Bewertungen hineinspielen. Erinnern wir uns an die klassischen Feedbackregeln, die Sie bestimmt bereits als konstruktive Feedbackkultur in Ihrem Unternehmen etabliert haben. Sie auch hier hilft. Nutzen Sie klare Beispiele und beschreiben Sie das beobachtete Verhalten statt die Person zu bewerten. Konkretes Verhalten lässt sich überprüfen und verändern. Persönlichkeitslabels wie „schwierig“, „zu hart“ oder „zu dominant“ dagegen helfen kaum weiter.

Beispiel. Statt: „Sie müssen diplomatischer werden.“ besser: „Im Meeting am Dienstag haben Sie den Einwand direkt zurückgewiesen, ohne zunächst darauf einzugehen. Dadurch entstand bei zwei Beteiligten der Eindruck, dass ihr Punkt nicht gehört wurde.“

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Wer diesen Artikel verfasst hat

Der Artikel wurde vom Clara v. Sydow verfasst. Sie ist Geschäftsführerin und  Teil des Trainerteams des momentum – Institut für Rhetorik und Kommunikation. Unser Team besteht aus zertifizierten TrainerInnen mit langjähriger Praxis.
Die Autor:innen vereinen wissenschaftliche Fundierung mit praxisnaher Anwendung und bringen umfangreiche Erfahrung aus den Bereichen Rhetorik, Kommunikation, Präsentation, Psychologie und Führung mit.

Unsere Inhalte verbinden bewährte Kommunikationsprinzipien mit aktuellem Wissen – klar erklärt, praxisnah aufbereitet und direkt anwendbar.