„Präsenz beginnt im Körper“
Ein Gespräch mit Diplom-Psychologin Ellen Flies über Embodiment und Kommunikation
Sie kennen das vielleicht: Nach einem schwierigen Gespräch wissen Sie ganz genau, was Sie hätten sagen wollen. Im entscheidenden Moment aber war der Zugriff wie blockiert. Warum passiert das – obwohl wir kommunikativ eigentlich wissen, was zu tun wäre?
Darüber haben wir mit der Diplom-Psychologin und Psychologischen Psychotherapeutin Ellen Flies gesprochen. Sie erklärt, warum Körper, Gefühle und Denken enger zusammenhängen, als wir oft annehmen, was unter Druck mit unserer Handlungsfähigkeit passiert – und wie Embodiment helfen kann, wieder mehr Wahlfreiheit zu gewinnen.
momentum: Frau Flies, wir kennen wohl alle diese Situationen: Hinterher wissen wir genau, was wir hätten sagen sollen. Im Moment selbst fällt es uns nicht ein. Was passiert da mit uns?
Ellen Flies: Das Entscheidende ist häufig gar nicht, dass uns das Wissen fehlt. Das Wissen ist da. Unter Druck haben wir nur nicht unbedingt Zugriff darauf.
In stressigen Situationen greifen wir automatisch auf das zurück, was bei uns besonders gut eingeübt ist. Ich benutze dafür gerne das Bild einer Autobahn: Verhaltensweisen, die wir schon sehr oft gezeigt haben, sind neuronal gut ausgebaut. Genau diese Muster werden unter Druck besonders schnell aktiviert.
Deshalb kennen viele Menschen diese Grübelschleifen nach schwierigen Gesprächen: „Warum habe ich das nicht gesagt? Beim nächsten Mal mache ich es anders.“ Man nimmt es sich wirklich vor – und gerät beim nächsten Mal möglicherweise trotzdem wieder in dasselbe Muster.
Das zeigt sehr schön: Wir sind eben nicht nur denkende, sondern verkörperte Wesen.
momentum: Was genau bedeutet Embodiment in diesem Zusammenhang?
Ellen Flies: Vereinfacht gesagt beschreibt Embodiment die Idee, dass Körper, Fühlen und Denken untrennbar miteinander verbunden sind.
Wir sind kulturell sehr stark davon geprägt, dem Denken die wichtigste Rolle zuzuschreiben. „Ich denke, also bin ich“ – diese Vorstellung sitzt tief. Je intensiver ich mich mit Embodiment beschäftigt habe, desto deutlicher wurde für mich aber: Unser Denken ist immer an unseren Körper gekoppelt.
Wenn etwas in unserer Umgebung passiert, reagiert zunächst der Körper. Etwas fühlt sich angenehm oder unangenehm an, es aktiviert oder deaktiviert uns. Erst danach kommt die bewusste gedankliche Einordnung.
Der Körper ist deshalb nicht nur Ausdruck unseres inneren Zustands. Er ist auch ein Zugang zu diesem Zustand.
momentum: Das heißt: Nicht nur unsere Gedanken beeinflussen den Körper, sondern auch der Körper unsere Gedanken?
Ellen Flies: Genau. Natürlich können Gedanken unsere Gefühle und unsere Körperhaltung verändern. Aber es ist keine Einbahnstraße.
Wir können auch über Atmung, Haltung oder Bewegung Einfluss darauf nehmen, wie wir uns erleben und welche Handlungsmöglichkeiten uns zur Verfügung stehen.
Für mich braucht es deshalb immer beides: die körperliche Erfahrung und die Möglichkeit, anschließend zu reflektieren, was da eigentlich passiert.
momentum: Welche Rolle spielt das konkret in schwierigen Businesssituationen?
Ellen Flies: Nehmen wir eine Präsentation. Jemand ist sehr gut vorbereitet. Dann fällt der Blick plötzlich auf den Vorstandsvorsitzenden oder die Vorstandsvorsitzende und im selben Moment versagt die Stimme.
Dann kann man genau mit diesem Moment arbeiten. Ich nenne solche Situationen emotionale Hotspots.
Wir schauen uns an: Was ist körperlich passiert? Hat sich die Atmung verändert? Ist die Stimme enger geworden? Welche Emotion war da?
Es geht dabei nicht darum, unangenehme Gefühle möglichst schnell wegzumachen. Im Gegenteil. Wir greifen die Emotionen auf, die in diesem Moment aktiviert werden, und arbeiten mit ihnen über die körperliche Erfahrung. Dabei zeigt sich häufig, dass hinter der zunächst spürbaren Reaktion noch andere Emotionen liegen oder wieder zugänglich werden.
Genau darin liegt für mich der entscheidende Punkt: Es geht nicht darum, eine bestimmte Emotion loszuwerden, sondern darum, das eigene emotionale und damit auch das eigene Handlungsspektrum zu erweitern. So entsteht wieder mehr Wahlfreiheit in einer Situation, in der vorher nur das vertraute automatische Muster zur Verfügung stand.
Ich benutze dafür gerne das Bild der emotionalen Welle: Emotionen kommen, erreichen einen Höhepunkt und gehen auch wieder. Wir können lernen, auf dieser Welle zu surfen, statt von ihr überwältigt zu werden.
momentum: Kann ich meinen körperlichen Zustand auch unmittelbar vor einem schwierigen Meeting beeinflussen?
Ellen Flies: Ja. Gleichzeitig bin ich keine große Freundin von schnellen Tipps im Sinne von: „Mach diese eine Übung und dann funktioniert alles.“
Der eigentliche Schlüssel liegt darin, die Signale des eigenen Körpers überhaupt wieder wahrnehmen zu lernen.
Aber es gibt einige kleine Übungen, die hilfreich sein können. Ich arbeite beispielsweise sehr gerne mit der sogenannten Step-out-Technik aus dem Alba-Emoting-System der Neuropsychologin Susana Bloch.
Sie hilft, in einen körperlich neutralen Zustand zu kommen, willentlich, primär über die Atmung – ich nenne diesen Zustand gerne emotionale Stille.
momentum: Wie funktioniert diese Übung?
Ellen Flies: Man stellt sich aufrecht hin, die Füße ungefähr hüftbreit, die Knie leicht gebeugt. Der Blick geht geradeaus.
Dann atmet man ruhig durch die Nase ein und führt gleichzeitig die Arme vor dem Körper nach oben über den Kopf.
Beim Ausatmen führt man die Arme in einer Bogenbewegung wieder nach unten und atmet durch den Mund aus, ungefähr so, als würde man eine Kerze auspusten.
Schon drei Wiederholungen können einen spürbaren Effekt haben. Anschließend kann man den Körper auch kurz ausschütteln oder die Gesichtsmuskulatur lockern.
Wichtig ist für mich aber: Die Übung soll nicht den Körper manipulieren. Sie soll helfen, wieder stärker mit sich selbst in Kontakt zu kommen.
momentum: In unserem Newsletter geht es um weibliche Kommunikation im Business. Begegnen Ihnen in Ihrer Arbeit bestimmte Muster bei Frauen?
Ellen Flies: Ich möchte da vorsichtig sein. Das sind Erfahrungen aus meiner Coaching- und Seminarpraxis, keine allgemeingültigen Aussagen über Frauen und Männer.
Was ich allerdings häufiger beobachte, ist, dass Frauen unter Druck manchmal den Zugang zu bestimmten kraftvollen Qualitäten verlieren – etwa zu Aufrichtung, Stolz, Entschlossenheit oder dem Gefühl: „Hier stehe ich, dafür möchte ich eintreten.“
Bei Männern erlebe ich zum Teil eher die umgekehrte Aufgabe: Dort kann es darum gehen, sehr starke oder aggressive Energie bewusster zu regulieren.
Mir geht es deshalb weniger um typisch männliche oder weibliche Kommunikation. Spannend ist vielmehr die Frage: Welche inneren Qualitäten stehen mir in einer Situation zur Verfügung – und auf welche habe ich vielleicht gerade keinen Zugriff?
Zum Seminar mit Rhetorik für Frauen Fokus:
momentum: Welche dieser Qualitäten sind im Business besonders wichtig?
Ellen Flies: Ein gutes Beispiel ist die Fähigkeit, die eigenen Grenzen und Werte wahrzunehmen und dafür einzustehen.
Dabei kann auch eine Emotion wie Wut eine wichtige Funktion haben. Ich nenne sie gerne die „Hüterin unserer Werte“. Sie kann uns signalisieren: Hier ist eine Grenze erreicht. Hier ist mir etwas wichtig. Hier möchte ich Position beziehen.
Das bedeutet natürlich nicht, impulsiv oder aggressiv zu werden. Im Gegenteil: Es geht darum, diese Energie wahrzunehmen und konstruktiv zu nutzen.
In meinen Workshops erlebe ich beispielsweise, dass Frauen durch eine aufrechtere Haltung, eine kraftvollere Stimme oder die bewusste Arbeit mit Atmung plötzlich einen ganz anderen Zugang zu ihrer eigenen Stärke bekommen. Manche sagen danach: „Jetzt könnte ich Bäume ausreißen.“
Das finde ich spannend, weil dadurch nicht nur die äußere Wirkung verändert wird. Es entsteht auch innerlich ein anderes Erleben: Ich darf Raum einnehmen. Ich darf eine klare Position haben. Ich darf mit Würde für etwas einstehen.
momentum: Ist Embodiment damit auch eine Möglichkeit, die eigene Durchsetzungsfähigkeit zu erweitern?
Ellen Flies: Ja, genau. Für mich geht es immer darum, das eigene Handlungsspektrum größer zu machen, Wahlfreiheit zu entwickeln.
Souveränität heißt nicht, in jeder Situation besonders stark oder dominant aufzutreten. Manchmal brauche ich Ruhe, manchmal Offenheit, manchmal Zurückhaltung – und manchmal eben Klarheit und Kraft.
Embodiment kann dabei helfen, diese unterschiedlichen Qualitäten bewusster wahrzunehmen und gezielter zur Verfügung zu haben. Für mehr emotionale Flexibilität.
Gleichzeitig ist mir eine Einschränkung wichtig: Psychologisches Empowerment endet dort, wo strukturelles Empowerment Grenzen setzt.
Es gibt Organisationen und Hierarchien, in denen individuelle Entwicklung allein strukturelle Probleme nicht lösen kann. Deshalb darf die Botschaft nicht lauten: „Du musst nur selbstbewusster auftreten, dann funktioniert es.“
Aber ich kann lernen, meinen eigenen Zustand besser wahrzunehmen, meine Grenzen klarer zu erkennen und mehr Möglichkeiten zu haben, wie ich auf eine Situation reagieren möchte.
momentum: Was bedeutet souveräne Kommunikation für Sie persönlich?
Ellen Flies: Für mich beginnt sie damit, mit sich selbst verbunden zu sein.
Wir haben nicht einfach einen Körper. Wir sind auch unser Körper.
Wenn wir das ernst nehmen, nutzen wir den Körper nicht nur als Instrument, das möglichst gut funktionieren soll. Wir begreifen ihn als intelligente Ressource.
Dann geht es nicht darum, keine Emotionen mehr zu haben oder immer perfekt zu reagieren.
Es geht darum, wahrnehmen zu können, was gerade passiert – und daraus möglichst frei entscheiden zu können, wie ich handeln möchte.
Ellen Flies ist Diplom-Psychologin, approbierte Psychotherapeutin und Gründerin des CIB Coaching Instituts Bonn. Sie gehört zu den profilierten Stimmen für Embodiment, Emotion und Führung im deutschsprachigen Raum.
Kontakt: www.coaching-institut-bonn.de
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Weiterführendes Training:
Das Interview wurde vom Team des momentum – Institut für Rhetorik und Kommunikation durchgeführt. Bei dem Text handelt es sich um eine redaktionell verdichtete Fassung auf Grundlage des Interviews vom 27. August 2026
Unsere Inhalte verbinden bewährte Kommunikationsprinzipien mit aktuellem Wissen – klar erklärt, praxisnah aufbereitet und direkt anwendbar.