Rituale vor dem Auftritt – Was wir von Bühnenkünstlern lernen können
Was machen Bühnenprofis vor dem Auftritt? Schauspieler, Musiker, Gala-Moderatoren? Sänger, Dozenten, Keynote Speaker? Viele von ihnen haben bestimmte Rituale, um ihre Aufregung zu lenken, ihr Lampenfieber zu bekämpfen und sich auf den Auftritt zu konzentrieren. In der Welt des Theaters sind es vor allem sprachliche Rituale, mit denen sich die Schauspieler gegenseitig einschwören:
Im deutschen Sprachraum wünscht man sich „Hals und Beinbruch“. Interessanterweise stammen auch in anderen sprachlichen Regionen die Glückwünsche aus einem eher rauen Umfeld. In Frankreich wünscht man sich „Merde“, in Italien „In bocca al lupo (ins Maul des Wolfes), im englischen Sprachraum „Break a Leg“. Wer Schauspielern mit einem dreifachen „Toi toi toi“ Glück für die Bühne wünscht, verstärkt den Wunsch, indem er dreimal über die linke Schulter spuckt. Ein alter, immer noch existierender Aberglaube verbietet es, auf diesen Wunsch mit einem „Danke“ zu kontern.
PROFI Trainer Tipp
Mein Ritual? Atmen – und manchmal ein bisschen Blödsinn
Ich habe im Laufe meiner Trainerjahre viele Teilnehmende erlebt, die vor einem Auftritt mit sich selbst ringen: „Ich darf jetzt nicht nervös sein!“ Oder: „Ich muss cool wirken!“ Dabei sagen mir dieselben Menschen oft fünf Minuten später: „Ich war so angespannt, ich hätte am liebsten alles abgesagt.“
Was mir in solchen Momenten hilft und was ich von Bühnenprofis gelernt habe: Rituale sind keine Marotten, sondern mentale Anker. Manche sprechen leise mit sich selbst, andere laufen den gleichen Flur auf und ab, wieder andere schütteln sich kräftig durch oder zählen innerlich rückwärts. Mein eigenes kleines Ritual? Einmal tief in den Bauch atmen, ein bewusstes Lächeln – und wenn niemand hinsieht: ein kurzer, absurder Gedanke. Einfach, um wieder bei mir zu sein.
Rituale helfen nicht, weil sie besonders sind, sondern weil sie zu uns passen. Ob Atmung, Bewegung oder leiser Fokus: Finden Sie das, was Ihnen innere Ruhe und äußere Präsenz gibt. Lampenfieber lässt sich nicht wegtrainieren – aber lenken. Und wie so oft in der Kommunikation gilt: Es gibt kein universelles „richtig“. Nur das, was Sie zurück in Ihre Kraft bringt.
Einige Bühnenkünstler leben besondere Rituale, bevor sie auf die Bühne gehen, die uns kurios erscheinen mögen. Über Enrico Caruso erzählt man, dass er eine strenge Ritualisierung von Zähneputzen, Gurgeln, Essen und Trinken vollzog. Der Schlagersänger Michael Holm macht spezielle Dehnübungen, der Speaker Michael Rossie zieht sich zum „professionellen Blödeln“ zurück.
Auftritte stressen uns. Und dieser Stress ist Ursache für das Lampenfieber. Da wir Menschen mit Stress unterschiedlich umgehen, ist auch der Umgang mit Lampenfieber sehr unterschiedlich. Probieren Sie aus, was am besten zu Ihnen passt. Ob umfangreiche, streng choreographierte Rituale oder einfach die Aktivierung der tiefen Bauchatmung: Hier gibt es kein Richtig oder Falsch, sondern nur ein „Funktioniert“ oder „Funktioniert noch nicht“.
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Wer diesen Artikel verfasst hat
Der Artikel wurde vom Clara v. Sydow verfasst. Sie ist Geschäftsführerin und Teil des Trainerteams des momentum – Institut für Rhetorik und Kommunikation. Unser Team besteht aus zertifizierten TrainerInnen mit langjähriger Praxis.
Die Autor:innen vereinen wissenschaftliche Fundierung mit praxisnaher Anwendung und bringen umfangreiche Erfahrung aus den Bereichen Rhetorik, Kommunikation, Präsentation, Psychologie und Führung mit.
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