Irrationale Wünsche: Souveräner reagieren mit Perspektivwechsel

Um spontan und kreativ zu re-agieren, stehen uns oft die eigenen überwältigenden Emotionen im Weg. Die Stimmung in unseren Trainings ist oft: „Der/die andere war einfach unverschämt… der/sie ist immer nur verletzend… der/die ist permanent so übergriffig“ verbunden mit dem tiefen Wunsch, geschickter kontern zu können.

Um aus diesem Ohnmachts-Gefühl herauszukommen und in die aktive Rolle zu schlüpfen hilft es, einmal den Perspektivwechsel zu wagen und hinter die Worte des Gegenübers zu schauen. Denn wenn wir begreifen, warum uns jemand angreift, ironisch wird oder ständig provoziert, sind wir viel handlungsfähiger. Zugegeben, hier sind wir im Bereich „Kurs für Fortgeschrittene“.

Aktives Zuhören als Erfolgsstrategie

So vermeiden Sie Missverständnisse

Das Konzept der „Irrationalen Wünsche“ stammt aus der Kommunikationspsychologie und beschreibt die unbewussten (und damit eben „irrationalen“) Motive, die uns Menschen antreiben. Es sind unsere emotionalen Grundbedürfnisse, die wir Menschen – oft ohne es zu merken – in unserem Verhalten ausdrücken. Sie tauchen besonders dann auf, wenn jemand sich gestresst, übergangen oder unsicher fühlt.

Arbeitshypothese: Hinter jedem Angriff steckt ein unbewusstes Motiv. Wenn wir dieses erkennen hilft es, die Angriffe von anderen Personen nicht zu sehr persönlich zu nehmen und damit haben wir die Basis, um selber souverän zu reagieren. Statt im Impuls zu denken „Warum greift der mich an…?“ denken wir z. B. „Aha, der will sich gerade profilieren….“. Das beruhigt das eigene Streßsystem immens.

Zusätzlich können wir individueller reagieren (dies ist allerdings schon die Advanced-Stufe): Bei jemandem mit Machtbedürfnis wirkt eine ruhige Reaktion besser als Ironie. Haben wir dagegen die Hypothese, dass ein Anerkennungswunsch hinter dem Angriff steckt, hilft manchmal sogar eine kleine Portion Wertschätzung: „Ich sehe, dass Ihnen das Thema wichtig ist…“

Diese unbewussten Motive zu erkennen, bedeutet nicht, sie festzuschreiben oder zu bewerten. Es geht darum, Hypothesen zu bilden: „Was könnte der andere gerade brauchen?“ So entsteht ein Perspektivwechsel, der Gelassenheit und Handlungsspielraum schafft.

  • 1. Der Wunsch nach Anerkennung

    Motiv: „Ich möchte gesehen werden.“
    Menschen mit starkem Bedürfnis nach Anerkennung reagieren empfindlich, wenn sie sich übergangen oder übersehen fühlen.

    Bedeutung für Schlagfertigkeit:
    Statt sich über spitze Bemerkungen zu ärgern, hilft die Hypothese: „Vielleicht will er einfach Aufmerksamkeit.“ Eine kleine Portion Wertschätzung („Das war ein interessanter Gedanke!“) kann die Spannung lösen und die Situation entspannen.

  • 2. Der Wunsch nach Kontrolle

    Motiv: „Ich möchte Sicherheit und Überblick.“
    Kontrollbedürftige Menschen werden kritisch, wenn Dinge unstrukturiert wirken. Kritik ist hier kein Angriff, sondern ein Versuch, Kontrolle zurückzugewinnen.

    Bedeutung für Schlagfertigkeit:
    Wer die Kontrolle nicht persönlich nimmt, kann ruhig bleiben und Struktur anbieten: „Ich verstehe den Punkt. Lassen Sie uns das kurz sortieren.“

  • 3. Der Wunsch nach Wettbewerb

    Motiv: „Ich will mich beweisen.“
    Menschen mit starkem Wettkampfwunsch testen gerne Grenzen und suchen den verbalen Schlagabtausch.

    Bedeutung für Schlagfertigkeit:
    Hier gilt: Nicht einsteigen. Ruhige, entspannte Reaktionen entziehen dem Konflikt die Energie. „Er argumentiert scharf. Vielleicht möchte er zeigen, dass er kompetent ist.“

  • 4. Der Wunsch nach Zugehörigkeit

    Motiv: „Ich will Teil der Gruppe sein.“
    Wer sich ausgeschlossen fühlt, reagiert oft empfindlich oder zieht sich zurück. Auch spöttische Kommentare können aus Unsicherheit entstehen.

    Bedeutung für Schlagfertigkeit:
    Wenn Sie das erkennen, helfen verbindende Reaktionen: „Sie reagiert zurückhaltend. Vielleicht fühlt sie sich nicht eingebunden“.

Thumbs-up Thumbs-up

PROFI Trainer Tipp

Erstmal durchatmen, dann kontern können

In meinen Gesprächsführungstrainings sage ich oft: „Das Konzept der irrationalen Wünsche ist nichts für Einsteiger – es ist Schlagfertigkeit für Fortgeschrittene.“ Denn um die Motive anderer zu erkennen, brauchen wir vor allem eines: Einen Moment der inneren Ruhe. Nur wer kurz innehält, kann wirklich verstehen, was hinter einem Angriff steckt.

Meine Lieblingsstrategie dafür ist die Atempause – eine Mini-„Keep Cool“-Technik, die den Vagusnerv aktiviert und das Stresssystem beruhigt. Wenn wir tief einatmen, kurz halten und laaaaaaaaaaaangsam ausatmen, entsteht diese entscheidende Sekunde zwischen Reiz und Reaktion. Genau jetzt haben wir die Chance, nicht impulsiv zu kontern, sondern bewusst zu antworten.

  • 5. Der Wunsch nach Autonomie

    Motiv: „Ich möchte selbst bestimmen.“
    Menschen mit starkem Autonomiewunsch reagieren empfindlich, wenn sie das Gefühl haben, bevormundet oder eingeschränkt zu werden.
    Im Gespräch kann das zu plötzlichem Widerspruch oder Trotz führen. Nicht, weil sie die Sache ablehnen, sondern weil sie ihre Selbstbestimmung wahren wollen.

    Bedeutung für Schlagfertigkeit:
    Wenn Sie auf Autonomiebedürftige treffen, hilft es, Optionen zu lassen statt Anweisungen zu geben. „Ich sehe das anders, aber entscheiden können Sie das natürlich selbst“

  • 6. Der Wunsch nach Fairness

    Motiv: „Ich will gerecht behandelt werden.“
    Menschen mit starkem Fairness-Motiv reagieren heftig, wenn sie Ungleichbehandlung oder Ungerechtigkeit empfinden. Oft steckt hinter einem vermeintlichen Angriff keine Bosheit, sondern das Gefühl, „nicht gehört“ oder „nicht wertgeschätzt“ zu werden.

    Bedeutung für Schlagfertigkeit:
    Reagieren Sie auf solche Situationen mit Verständnis, nicht Verteidigung:, um Druck rauszunehmen: „Ich sehe, dass Ihnen das Thema wichtig ist. Lassen Sie uns das gemeinsam anschauen.“

  • 7. Der Wunsch nach Sicherheit

    Motiv: „Ich möchte, dass alles stabil bleibt.“
    Dieser Wunsch zeigt sich oft bei Menschen, die Veränderungen als Risiko empfinden. In Meetings äußert sich das durch Skepsis, Rückfragen oder Zurückhaltung. Dieses Verhalten wird oft von anderen als „Bremser“-Verhalten wahrgenommen.

    Bedeutung für Schlagfertigkeit:
    Hier hilft, Verlässlichkeit zu signalisieren und Orientierung zu geben: „Ich verstehe, dass das neu ist. Lassen Sie uns Schritt für Schritt vorgehen.“

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Wer diesen Artikel verfasst hat

Der Artikel wurde vom Clara v. Sydow verfasst. Sie ist Geschäftsführerin und  Teil des Trainerteams des momentum – Institut für Rhetorik und Kommunikation. Unser Team besteht aus zertifizierten TrainerInnen mit langjähriger Praxis.
Die Autor:innen vereinen wissenschaftliche Fundierung mit praxisnaher Anwendung und bringen umfangreiche Erfahrung aus den Bereichen Rhetorik, Kommunikation, Präsentation, Psychologie und Führung mit.

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